Erinnerung an Moses & Hannchen Wolf - viel mehr als ein Grabstein
Erstelldatum25.06.2026
Etwa zwei Stunden dauerte am Mittwochnachmittag (24.) eine sehr besondere Gedenk- und Erinnerungsveranstaltung auf dem Jüdischen Friedhof in Alsbach: Dort wurde der wiedererrichtete Grabstein von Moses Wolf enthüllt. Gleichzeitig erinnert das Grabmal nun auch an seine Ehefrau Hannchen Wolf, geb. Rosenthal, die nach ihrer Deportation in das Konzentrationslager Theresienstadt ermordet wurde.
Im Mittelpunkt stand dabei nicht nur ein historischer Ort – sondern vor allem das außergewöhnliche Engagement junger Menschen: Schülerinnen und Schüler der Geschwister-Scholl-Schule Bensheim hatten sich intensiv mit der Geschichte von Moses und Hannchen Wolf beschäftigt. Sie recherchierten, stellten Fragen, werteten historische Unterlagen aus und näherten sich einer schweren Familiengeschichte an. So machten sie sichtbar, was Erinnerungskultur bedeuten kann, wenn sie nicht abstrakt bleibt, sondern von jungen Menschen mit Haltung getragen wird.
Unter Leitung von Frank Maus und Peter Ströbel entstand in der Geschichtswerkstatt der Geschwister-Scholl-Schule ein Projekt, das weit über die Rekonstruktion eines Grabsteins hinausgeht. Es ging um Erinnerung, Verantwortung und darum, einer zerstörten Grabstätte – und den damit verbundenen Menschen – Würde zurückzugeben. Die Melibokusschule in Alsbach war dabei ein wichtiger Kooperationspartner.
Ein besonderer Moment war, dass mehrere Schülerinnen und Schüler der Geschwister-Scholl-Schule die Geschichte von Moses und Hannchen Wolf gestern aus deren Perspektive erzählten. Dadurch wurde ihr Schicksal nicht nur historisch eingeordnet, sondern sehr lebendig und menschlich erfahrbar.
Moses Wolf, der in Bensheim eine Mehl- und Futterhandlung betrieb, starb 1927 und wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Alsbach beigesetzt. Sein Grabmal wurde später gewaltsam zerstört. Der gemeinsame Sohn Jakob Wolf konnte 1937 mit seiner Familie in die USA fliehen. Hannchen Wolf wurde durch den Holocaust von ihrer Familie, ihrem Zuhause und auch von der Ruhestätte ihres Mannes getrennt; 1942 schließlich ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert und von den Nationalsozialisten ermordet.
Dass Hannchen Wolf nun erstmals symbolisch ein Grab gegeben wurde – an der Seite ihres Mannes und damit im jüdischen Glauben verbunden in der Hoffnung auf Auferstehung –, machte diesen Moment besonders bewegend.
Ganz außergewöhnlich war zudem, dass mit Philip Voron ein Ur-Ur-Enkel von Moses und Hannchen Wolf aus den USA angereist war. So wurde sehr spürbar: Erinnerung endet nicht an Gemeindegrenzen. Sie reicht über Länder, Generationen und Familienzweige hinweg.
Bitte haben Sie Verständnis, dass wir nicht alle Redner, Grußwort-Sprecher und Akteure hier benennen können. Als besondere Gäste möchten wir jedoch neben unserer Landtagsabgeordneten Ina Dürr (CDU) auch Daniel Neumann, Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen und Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Darmstadt, Prof. Dr. Klaus Werner, Historiker und Beauftragter des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen für die Betreuung der 350 erhalten gebliebenen jüdischen Begräbnisstätten, sowie Christoph Schindler, Steinmetz und Bildhauer sowie Beauftragter für die Grabmale des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen, herausheben.
Auch Pfarrerin Hannah Woernle von der Evangelischen Kirchengemeinde Alsbach war Teil der Veranstaltung. Musikalisch umrahmt wurde das Programm von Matthias Jakob.
Bürgermeister Sebastian Bubenzer, der die Schirmherrschaft für das Projekt übernommen hat, sagte in seiner Rede: „Geschichte wird lebendig, wenn Menschen bereit sind, hinzuschauen.“ Und er machte weiter deutlich: „Demokratie lebt nicht nur von Institutionen. Sie lebt von Haltung.“ Dieses Projekt zeige, was damit gemeint sei. Erinnerungskultur entstehe nicht nur an offiziellen Gedenktagen. Sie entstehe dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen – in Schulen, in Gemeinden, in Vereinen, mitten vor Ort.
Genau das ist hier passiert. Junge Menschen haben hingeschaut – an einem Ort, an dem Geschichte nicht abstrakt bleibt, sondern konkret wird: an einem Namen, an einem Grab, an einer Familie.
Nach der Enthüllung des Grabsteins sprach Daniel Neumann am Grab von Moses Wolf ein hebräisches Gebet. Anschließend konnten alle Gäste symbolisch Steine am Grab niederlegen – als Zeichen dafür, dass es Menschen gibt, die sich an Moses Wolf erinnern und die auch Hannchen Wolf nicht vergessen.
Die Gemeinde Alsbach-Hähnlein unterstützt die Initiative auch finanziell: Alle Fraktionen haben sich darauf verständigt, die Kosten des Projekts aus Gemeindemitteln mit einem Beitrag von 1.000 Euro zu entlasten.
Unser Dank gilt ganz besonders den Schülerinnen und Schülern der Geschwister-Scholl-Schule Bensheim für ihr beeindruckendes Engagement. Ebenso danken wir Frank Maus und Peter Ströbel, der Melibokusschule Alsbach-Hähnlein als Kooperationspartner, allen Unterstützerinnen und Unterstützern, den Vertreterinnen und Vertretern der jüdischen Gemeinden, der Evangelischen Kirchengemeinde Alsbach sowie allen, die recherchiert, organisiert, gespendet, begleitet und geholfen haben.
Am Ende fasste Bürgermeister Bubenzer zusammen, welche Bedeutung dieser Tag gestern für viele Beteiligte hatte: „Wir richten Erinnerung wieder auf. Wir richten Würde wieder auf. Wir richten ein Zeichen auf gegen das Vergessen.“








































