Familie Moses Wolf: Ein jüdisches Schicksal, ein Grabstein und die Idee, Zerstörtes zu heilen
Erstelldatum24.11.2025
Es sind vorsichtige Schritte. Man könnte sie auch „rücksichtsvoll“ oder „sensibel“ nennen. Denn der Boden, auf dem sich die Schülerinnen und Schüler der Geschwister-Scholl-Schule (GSS) in Bensheim an diesem späten Freitagnachmittag bewegen, ist ein besonderer.
Es ist der 12. September 2025. Eine friedvolle Ruhe liegt über dem jüdischen Friedhof in Alsbach. Einem Ort, der Geschichte ausatmet und der für so viele Schicksale steht, die jüdisches Leben in unserer Region geschrieben hat.
Wenig später werden Frank Maus und Peter Ströbel, beide Lehrer an der Geschwister-Scholl-Schule und Leiter der dort etablierten Geschichtswerkstatt, in einem Projektbericht festhalten, dass es ein Tag war, der eine unerwartete Wende genommen hat.
Doch um die ganze Geschichte zu erzählen, muss man etwas weiter vorne beginnen.
Es ist noch nicht allzu lange her, dass sich Schülerinnen und Schüler der GSS mit dem Bensheimer Kaufhaus Ganz und seiner jüdischen Vorgeschichte befasst haben. Dabei stießen sie auch auf Unterlagen zu dem jüdischen Kaufmann Moses Wolf (1860 – 1927), der in direkter Nachbarschaft zum Kaufhaus Ganz eine Mehl- und Futterhandlung betrieb, die nach seinem Tod von seiner Frau Hannchen Wolf, geb. Rosenthal (1860 – 1942) fortgeführt wurde.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten begann dann ein Leidensweg der Familie Wolf, der mit der Deportation und Ermordung von Hannchen Wolf in Theresienstadt einen entsetzlichen Höhepunkt fand. Zwar gelang es dem Sohn Jakob und seiner Familie 1937 noch in die USA zu fliehen, doch die Grabstätte von Moses Wolf auf dem Jüdischen Friedhof in Alsbach wurde zerstört, der Grabstein in Stücke geschlagen und das Grab dabei so unkenntlich gemacht, dass es den Nachfahren von Moses Wolf kaum noch gelang, nach Ende des Krieges die Stätte zu identifizieren.
In der Geschichtswerkstatt der Geschwister-Scholl-Schule keimte schnell eine Idee auf: Die Wiederherstellung dieses Grabsteins nach den in einer Entschädigungsakte sehr detaillierten Angaben zu dessen Beschaffenheit und Aussehen. Ein Steinmetz wurde kontaktiert, viele Gespräche geführt. Beteiligt waren dabei von Anfang an Schüler/innen, die eher den geschichtlichen Kontext betrachten, aber auch Gruppen aus dem Religionsunterricht.
Es geht um Würde und Heilung
„Für uns bedeutet dieses Projekt, ein Zeichen zu setzen und dem Verstorbenen seine Würde zurückzugeben“, betont Peter Ströbel. Es gehe nicht darum, eine Schuld zu begleichen, sondern etwas zu heilen, was damals zerstört wurde. „Nicht nur im physischen Sinn…“
Und die sechzehnjährige Frida ergänzte jüngst bei einem Gespräch in der Schule: „Wir haben gelernt, dass im jüdischen Glauben die Begrabenen den Messias nicht finden können, wenn das Grab zerstört ist.“ Gleichzeitig sei bekannt, dass es im Judentum einen hohen Stellenwert habe, die Gräber seiner Vorfahren aufzusuchen und so deren Andenken zu wahren.
Kontakte zum Landesverband der Jüdischen Gemeinden in Hessen wurden zwischenzeitlich aufgenommen, auch zu den Nachfahren von Moses und Hannchen Wolf. Alle zeigten sich begeistert angesichts dieses außergewöhnlichen Engagements.
Dabei geht es längst nicht mehr „nur“ um den Grabstein auf dem jüdischen Friedhof in Alsbach. Die Aufarbeitung der Geschichte von Familie Wolf haben sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Geschichtswerkstatt ebenso auf die Fahne geschrieben wie den Plan, dieser jüdischen Familie durch eine Stolpersteinverlegung vor dem ehemaligen Anwesen in der Hauptstraße 58 in Bensheim zu gedenken.
Ein Fund, mit dem niemand rechnete
Doch kommen wir zurück zum anfangs erwähnten 12. September: Eine mit dem Landesverband der Jüdischen Gemeinden abgestimmte Probegrabung hatte zum Ziel, vielleicht doch noch kleinere Fragmente des zerstörten Original-Grabsteins zu finden.
Die Überraschung war riesig, als mehrere Schülerinnen, die Lehrer Peter Ströbel und Frank Maus, Referendarin Gülcin Uysal, Nicole Rieskamp vom Museumsverein Alsbach-Hähnlein und andere Beteiligte auf ein großes Fragment der Inschriftenplatte stießen, die einst das Grab von Moses Wolf zierte.
All das inklusive einer bislang nicht überlieferten Grabinschrift. Aktuell wird nun geklärt, wie das Fragment in den neuen Grabstein integriert werden kann. Auch soll Hannchen Wolf, die nach der Ermordung durch die Nationalsozialisten nie begraben wurde, in Alsbach eine symbolische Ruhestätte an der Seite ihres Mannes erhalten. In jenem Doppelgrab, das sie ursprünglich auch für sich selbst vorgesehen hatte.
„Es ist schon außergewöhnlich und kann nicht hoch genug geschätzt werden, dass Schülerinnen und Schüler sich in dieser Form engagieren – und es Ihnen nicht um eine große politische Botschaft geht, sondern um Menschlichkeit und die innere Haltung, vergangenes Unrecht nicht einfach stumm zu akzeptieren“, betont Bürgermeister Sebastian Bubenzer.
Zwischenzeitlich wird das Projekt von einem wachsenden Kreis an Unterstützern und Partnern begleitet. Involviert sind nicht nur der Museumsverein Alsbach-Hähnlein, sondern auch die evangelische Kirche sowie die Melibokusschule, mit deren Projektleiterteam sich Peter Ströbel von der Geschwister-Scholl-Schule Ende Oktober traf. Mögliche Lern- und Themenfelder des Projekts wurden ausgelotet und erste Termine sondiert. So werden sich die Schülerinnen und Schüler aus beiden Schulen voraussichtlich in den nächsten Tagen näher kennenlernen, um im Anschluss gemeinsam aktiv an dem Projekt weiter zu arbeiten.
Spenden sind sehr willkommen
Dies alles – insbesondere die Arbeiten des beteiligten Steinmetzes – sind natürlich nicht „zum Nulltarif“ zu erhalten. Zwar engagieren sich die Schülerinnen und Schüler stark – verkaufen etwa Kuchen zugunsten ihres Projekts. Doch bei erwarteten Grabstein-Kosten im mittleren vierstelligen Bereich sind die Beteiligten auch auf Spenden angewiesen, die im Idealfall zu einer Gesamtsumme von etwa 5.000 Euro addiert werden können.
Wenn Sie diese Idee unterstützen wollen, würden sich alle Beteiligten freuen. Dies ist einer der Gründe, warum auch wir heute gerne die Aufmerksamkeit auf dieses tolle Engagement junger Menschen lenken wollen.
Spenden können Sie auf folgendes Konto des Fördervereins der Melibokusschule überweisen:
Kontoinhaber: Förderverein MBKS A-H e.V.
IBAN: DE50 5086 1501 0000 1503 71
Raiffeisenbank Nördliche Bergstraße eG
Verwendungszweck: „Spende Grabsteinprojekt Moses Wolf“
Wichtiger Hinweis: Spendenbescheinigungen können erst ab 300,00 Euro Spendenwert ausgestellt werden. Dafür muss der Spender seine vollständige Adresse im Verwendungszweck angeben. Bei einem Spendenwert unter 300,00 Euro gilt die Überweisung als Nachweis für das Finanzamt.
Bilder: Gülcin Uysal


























